Eine M1030M1 auf dem 19. Dieselmotorradtreffen

Die M1030M1 – Was ist das überhaupt?
Wahrscheinlich warten einige seit über einem Jahrzehnt, andere haben die Hoffnung längst aufgegeben und noch andere haben nie davon gehört.
Aus gegebenem Anlass will ich die Geschichte nochmal kurz aufrollen, zusammenfassen und auch noch mit ein paar Links würzen. Der Anlass ist die Tatsache, das Stuart – der Initiator des „Big Knock“, des britischen Dieselmotorradtreffens – angekündigt hat uns zum 19. internationalen Dieselmotorradtreffen Hamm mit einer M1030M1 – seiner M1030M1 – zu besuchen.
Die auch „Diesel KLR“ genannte M1030M1 geistert eigentlich seit dem ersten Treffen durch die Dieselmotorradszene. Aufgrund ihres militärischen Ursprungs konnten wir ihrer jedoch nie wirklich habhaft werden.
Doch jetzt nochmal von vorn. Woher kommt das Motorrad und was ist das besondere daran?
Wobei ich eigentlich keinen der Akteure kenne und nicht weiss, wer wann und wo mit wem zusammengekommen ist.
Der Grundgedanke ist ein sehr einfacher, wenn man in militärischer Logistik denkt. Aus deren Sicht macht es schlicht und ergreifend Sinn, wenn alle Fahr-, Flug und Schwimmzeuge mit dem gleichen Treibstoff funktionieren. Vom LKW über den Hubschrauber bis eben hin zum Motorrad. Also in einer idealen Welt. Ok, in der bräuchten wir dann kein Militär, aber das ist ja nun mal ein gegebener Umstand.
Nehmen wir es also als gegeben hin, das es diese One-Fuel Direktive gibt oder gab oder das sie sich zumindest gewünscht wurde. Von wem auch immer.
Jetzt kommen Dr. Stuart McGuigan vom Royal Military College of Science in England und Fred Hayes von Hayes Diversified Technologies, später Hayes Diesel Technologies, ins Spiel. Nach eigener Aussage gab es Geld vom UK Ministry of Defense und dem United States Marine Corps. Ich schätze, die eine Seite hat entwickelt und die andere die nötigen Kontakte zum Militär, denn die haben zuvor schon benzingetriebene Kawasaki KLR650 eingesetzt, die eben jener Fred Hayes mit seiner Firma für den Einsatz beim Militär umgerüstet hat.
Der Wunsch war da, die Leute waren da, Geld war auch da. So entstand dann tatsächlich ein Dieselmotorrad. Ein im Vergleich zu den Industriemotoren hochdrehender Einzylinder mit 584cm³ Hubraum und angegebenen 18kW (24PS) Leistung. Es gab quasi nichts, das diesem Motor das Wasser hätte reichen können. Es war und ist eigentlich auch noch immer, der einzige Motor, der tatsächlich und ganz absichtlich als Dieselmotorradmotor entwickelt und gebaut worden ist. Allerdings immer nur in Kleinserie. Kein größerer Hersteller ist je auf diesen Zug aufgesprungen. Die 24PS sind wohl einfach kein Verkaufsargument. Auch wenn ich dafür halt nur irgendwas zwischen zwei und drei Litern Kraftstoff auf 100 Kilometern umgeformt wieder in die Atmosphäre entlasse. Apropos Kraftstoff. Ganz genau genommen ist die M1030M1 ein Vielstoffmotorrad, denn er verbrennt Diesel und JP8, einen auf Kerosin basierenden Flugzeugtreibstoff. Für das Militär interessant, an normalen Tankstellen jedoch nicht zu bekommen. Die bringen sich den halt immer mit. Kleine Zahlen sind anscheinend nicht sexy. In der sogenannten westlichen Welt verkauften und verkaufen sich übermotorisierte Pseudo-Reisemotorräder noch immer hervorragend. Und andere Teile sind noch immer recht fest in der Hand der Kinder, Enkel und Klone der Cub. Das Dieselexperiment funktionierte zwar, hatte aber nirgends den durchschlagenden Erfolg.
Obwohl das rund um die M1030M1 immer wieder probiert wurde. Die wurde getunt und für Geschwindigkeitsrekorde auf den Salzsee geschickt. Man benannte die produzierende Firma in Hayes Diesel Technologies um und es gab sogar mal die Ankündigung einer zivilen Version mit dem Namen D650 Bulldog. Ein Geist, der sich über ein Jahrzehnt immer wieder mal zeigte. Und dann wieder verschwand. Ich weiss nicht wirklich woran das ganze scheiterte. Ob es einfach zu wenig Interesse gab, oder ob all das Marketing nur Blendwerk war um an Fördergelder zu kommen. Es gibt da eine entsprechend interessante Geschichte um den Namen Boccardo. Aber das ist eine andere Geschichte.
Da die entwickelnde Militäruni nur rund 90 Meilen von Stuart entfernt liegt, ergab sich für ihn nach höflicher Nachfrage schon vor Jahren tatsächlich die Gelegenheit dort einen Prototypen zu fahren. Wir wussten also schon immer: Der Geist ist echt. Aber er blieb trotzdem ein Geist. Die Produktion fand weit entfernt in Kalifornien statt und wir bekamen Bilder in kleinen Dosen. Gerade so viele, das die Sache nie ganz in Vergessenheit geriet. Videos waren noch nicht so verbreitet wie heute. Es war die Zeitrechnung vor GoPro.
So krochen die Jahre dahin und nichts wirklich Entscheidendes passierte. Die ewigen Ankündigungen gefolgt von Abkündigungen ließen das Interesse erlahmen.
Doch irgendwann ereilte auch die M1030M1 das Schicksal der seligen Hercules K125 BW. Die ersten Exemplare wurden ausgemustert und rutschten damit ins Zivilleben. Wir sind es hierzulande gewohnt, das die ordentlich bei der VEBEG gelistet wären. Das scheint auf der andere Seite vom großen Teich etwas anders zu laufen. Die sickerten so durch und wurden an den unterschiedlichsten Stellen im Internet feilgeboten. Meist zu abenteuerlichen Preisen und dabei leider in absurden Zuständen. Und eben auf dem falschen Kontinent.
Auf dem diesjährigen Big Knock hat ein Händler dann aber tatsächlich gleich zwei Maschinen mitgebracht und auf dem Campground aus- und zur Probefahrt bereitgestellt. Der Geist materialisierte sich. Und er blieb. Eine der Maschinen wohnt jetzt bei Stuart und er hat mir diese Woche angekündigt, das er mit ihr zu uns nach Hamm kommt.

Hier noch eine kleine Linksammlung zur M1030M1. Wer noch mehr drüber wissen will, Stuarts Eindrücke von der Probefahrt mit dem Prototypen lesen und die Maschine auch einmal hören möchte.

M1030M1 – 2009 Kawasaki KLR650